Intermediale Gestaltung — Jahresausstellung

Gestaltung entsteht nie im luftleeren Raum. Sie spiegelt, was in Gesellschaft, Technik und Kultur passiert und sie erzählt immer etwas über den Zeitgeist. Heute leben wir in einer Gegenwart, die stark vom Rückgriff auf Vergangenes geprägt ist: Stile werden zitiert, gemixt und algorithmisch neu zusammengesetzt. Und das oft ohne erkennbare Herkunft. KI verändert zusätzlich die Spielregeln: Referenzen werden automatisiert, beschleunigt und entgrenzt und das Archiv wird zum Generator.

Deshalb wird die Frage nach dem Zeitgenössischen umso dringlicher: What’s contemporary, and what’s next?

Im kommenden Semester widmen wir uns der Geschichte des Grafikdesigns und legen dabei einen besonderen Fokus auf Stilgeschichte und Remix-Kultur. Wir untersuchen, woher bestimmte Ästhetiken kommen, unter welchen Bedingungen sie entstanden sind und warum sie in bestimmten Kontexten zum Einsatz kamen. Uns interessiert nicht nur, wie und was gestaltet wurde, sondern vor allem: warum wurde so gestaltet? Gestaltung verstehen wir dabei als bewegliches Archiv, als ein System aus Ideen, Codes und Bildern, das sich ständig neu zusammensetzt.

Was können wir aus der Vergangenheit lernen, um Formen für heute – und vielleicht sogar für die Zukunft – zu entwickeln?

Neben der Analyse steht die eigene gestalterische Praxis im Zentrum: In euren Projekten beschäftigt ihr euch intensiv mit einer bestimmten Zeit und ihren kulturellen, gesellschaftlichen oder gestalterischen Phänomenen. Das kann ein Abschnitt aus der Vergangenheit sein, die Gegenwart – oder auch ein spekulativer Entwurf der Zukunft. Dabei geht es nicht um bloßes Nachahmen, sondern um reflektiertes Weiterdenken, Umdeuten – und um das Entwickeln eigener Haltungen, Ansätze und Formen.

Gestalten heißt auch: sich positionieren.
 Was ist euer Blick auf die Gegenwart? Was ist euer Stil? Und wie lässt sich daraus eine Sprache entwickeln, die im Heute verankert ist – aber offen bleibt für das, was kommt?

Josefine Bail Website

In Tierfabeln können Spieler*innen in einem Capture and Collect System verschiedene Erklärungsansätze rund um Cuteifizierung und Ästhetisierung von Tieren erkunden. Zu finden sind Verfügbarkeits-Erwartungen, Besitzansprüche und Verhaltensanforderungen, die sich subtil äußern. Und Ideen warum der süße Blick auf manchen Tieren mehr haftet als auf anderen.

Luzy Luise Ehling Website

Sich an seine Vergangenheit zu erinnern bedeutet oft auch Aufbrüche, Umbrüche und Anfänge zu erkennen oder zu fühlen. Es sind Veränderungen oder Wiederholungen, die durch den Kontext von heute sichtbar werden. Das Archiv der Anfänge und Aufbrüche hält diese Gefühle durch persönliche Fotografien und Textfragmente fest.

Wenn ich mich an die Anfänge meiner fotografischen Arbeit erinnere, habe ich diese damals als unbrauchbar wahrgenommen. Ich wusste noch nicht, wie ich richtig mit einer analogen Kamera umgehen kann, wie die passende Belichtung funktioniert, wie ich den richtigen Fokus setze oder die passende Bildkomposition finde. Daraus entstanden Bilder, die entweder verschwommen, verwackelt oder unscharf waren. Bilder, die teils aus einem irritierenden Winkel fotografiert wurden oder Personen in unpassenden Momenten abbildeten. Bilder, die ich damals für unbrauchbar hielt.

Heute kann ich die Bilder jedoch aus einem anderen Blickwinkel betrachten, da sie für mich mein Gefühl des Erwachsenwerdens festhalten. Sie bilden eine Zeit ab, die von einer Menge Unklarheiten, Unsicherheiten, Veränderungen, neuen Perspektiven sowie von neuem Ausprobieren, Scheitern und Verletzlichkeit gezeichnet ist. Durch die zugeschriebene „Unbrauchbarkeit“ machen die Bilder die Vulnerabilität dieser Zeit sichtbar.

Aufbrechen und Ankommen sind zwei zentrale Themen, die mich seitdem ich 18 bin und das erste Mal von zu Hause ausgezogen bin, viel beschäftigt haben und immer noch beschäftigen. Dies hat sich ebenfalls unbewusst in meinen Fotografien, die mein Umfeld und meinen Alltag festhalten, gezeigt.

Sie zeigen teils eine unbestimmte und antreibende Aufbruchstimmung, die zugleich von Melancholie, Unsicherheiten und Zweifeln geprägt ist. Ankommen bezeichnet für mich nicht unbedingt das Ende nach dem Aufbruch, sondern den ständigen Prozess des Suchens und Findens von Halt in Orten, im Zwischenmenschlichen, in Freundschaft und Liebe und allem dazwischen.

Das Archiv der Anfänge und Aufbrüche besteht aus analogen Fotografien aus den Jahren 2012 bis heute sowie aus in diesem Semester entstandenen Texten und Textfragmenten, die teils real, teils fiktiv sind. Die Texte beschreiben nicht zwangsläufig die auf den Fotografien abgebildeten Situationen. Vielmehr verknüpfen sie Fragmente miteinander und erzeugen Stimmungen, die etwas Zyklisches haben – ähnlich dem wiederkehrenden Prozess von Ankommen und Aufbrechen.

Bestimmte Details, wie etwa das genaue Alter, bleiben häufig offen. Das bewusste Weglassen von Kontexten oder das Nicht-aus-Erzählen einzelner Situationen schafft Leerstellen, die Raum für eigene Interpretationen lassen. Die Betrachter*innen sind eingeladen, sich in den Texten und Fotografien wiederzufinden, eigene Assoziationen zu entwickeln oder persönliche Erinnerungen und Gefühle hervorzurufen.

Die Arbeit ist ein Versuch, alte Lebensabschnitte zu erkennen und verlorene Erinnerungsfetzen festzuhalten. Ausgelöst durch Assoziationen – etwa durch Fotografien – treten Erinnerungen aus dem Hintergrund hervor und werden nach und nach von unklar zu scharf. Weitere Erinnerungsfetzen tauchen auf – Geschichten zu Hintergründen, Bezüge zu weiter zurückliegenden Ereignissen oder Vergleiche zur Gegenwart. Dieses Gefühl des Erinnerns wird visuell durch den Übergang von unscharfen zu klaren Fotografien und Texten erfahrbar.

Das Archiv der Anfänge und Aufbrüche ist weder abgeschlossen noch endgültig. Es kann kontinuierlich weitergeführt und mit neuen Texten und Fotografien ergänzt werden. Es ist ein Versuch, die Verletzlichkeit, aber auch die Stärke dieser Übergänge festzuhalten.


Remembering one's past often means recognising or feeling new beginnings, upheavals and transitions. These are changes or repetitions that become visible through the context of today. The Archive of Beginnings and Departures captures this feeling through personal photographs and text fragments.

When I think back to the beginnings of my photographic work, I remember perceiving it as useless at the time. I did not yet know how to use an analogue camera properly, how to achieve the correct exposure, how to focus accurately, or how to find the right composition. This resulted in images that were blurred, shaky or out of focus. Images that were sometimes photographed from awkward angles or depicted people in unsuitable moments. Images that I considered unusable at the time.

Today, however, I can view these photographs from a different perspective, as they capture my experience of growing up. They depict a period marked by uncertainty, insecurity, change, new perspectives, as well as experimentation, failure and vulnerability. Through their perceived “uselessness”, the images reveal the vulnerability of that time.

Leaving and arriving are two central themes that have occupied me since I was 18 and moved away from home for the first time, and they continue to do so today. This has also unconsciously manifested itself in my photographs, which document my surroundings and everyday life.

Some of them convey an undefined yet driving sense of departure, while at the same time being shaped by melancholy, uncertainty and doubt. For me, arrival does not necessarily signify the end of a journey, but rather the ongoing process of searching for and finding stability in places, relationships, friendship, love and everything in between.

The Archive of Beginnings and Departures consists of analogue photographs taken between 2012 and the present day, as well as texts and text fragments created during this semester, some real and some fictional. The texts do not necessarily describe the situations depicted in the photographs. Instead, they connect fragments and create moods that possess a cyclical quality – similar to the recurring process of arriving and departing.

Certain details, such as exact ages, often remain open. The deliberate omission of context or the refusal to fully narrate individual situations creates gaps that leave room for personal interpretation. Viewers are invited to recognise themselves in the texts and photographs, to develop their own associations, or to recall personal memories and emotions.

The work is an attempt to recognise past stages of life and preserve lost fragments of memory. Triggered by associations – for example through photographs – memories emerge from the background and gradually become clearer. Further fragments surface: stories behind situations, connections to earlier events, or comparisons with the present. This experience of remembering becomes tangible through the visual transition from blurred to sharp photographs and texts.

The Archive of Beginnings and Departures is neither complete nor final. It can continuously be expanded with new texts and photographs. It is an attempt to capture not only the vulnerability, but also the strength, of these transitions.

Jan Goldmann Website

Wie sieht die Arbeit von Designer*innen abseits vom Gestalten aus? Welche Rolle spielt Geld, welche spielt Idealismus, Selbstverwirklichung und das eigene Rollenverständnis? In acht Interviews erzählen Designbüros, Agenturen und Lehrende über ihren Job. Und bieten so einen Einblick in die Realität von Designarbeit.

Gue Hyun Lee, Helen Hausdorf Website, Magazin

Ausgehend von der Frage nach hybriden Formen des Publizierens untersucht Ausgabe 12 des Neuwerk Magazins, wie das Buch als ein System funktionieren kann, das verschiedene Medien miteinander verbindet. Alle Inhalte werden zentral in einem Content-Management-System (CMS) organisiert und von dort aus in drei Publikationsformate gestalterisch übersetzt und den

Leser*innen zugänglich gemacht:

Über eine digitale Publikation können die Beiträge online gelesen und geteilt werden. Sie bietet den Leser*innen die Möglichkeit, Artikel individuell auszuwählen und als personalisierte Zusammenstellung auszudrucken. Auch die klassische Offsetpublikation basiert auf dem CMS: Inhalte werden codebasiert in das Printlayout überführt und mit konventionellen Gestaltungsmethoden kombiniert.

Hybrides Publizieren wird in diesem Zusammenhang als eine Form der Intervention verstanden. Der Prozess selbst wurde zu einer Möglichkeit, alternative, codebasierte Wege des Publizierens zu erproben.

Tomma Suki Hinrichsen Website

In 2026, chatbots are trained to mimic human interaction so well that they can create a sense of true empathy. It sounds absurd right now, but with big tech companies chasing revenue, virtual companionship could soon be part of everyday life.

Matchmath is a speculative test that calculates when you’ll fall in love with AI.

Spoiler: You will.
And AImor knows exactly how much you would pay to keep your virtual partner by your side 🏹

Jennifer Lindner Schrift

»Recepta« ist eine Neuinterpretation der Bleisatzschrift Athenian. Ihre historistisch geprägte Formsprache und die Sehnsucht nach Ordnung werden in ein heutiges Bedürfnis nach Natürlichkeit und Authentizität übersetzt.

Character Set: Latin Extended
OpenType Features: Access All Alternates, Stylistic Set, Ligatures, Oldstyle & Tabular Figures, Fractions, Case-Sensitive Forms

“Recepta” is a reinterpretation of the lead typeface Athenian. Its historical design language and the longing for order and stability are translated into a current need for naturalness and authenticity.

Character Set: Latin Extended
OpenType Features: Access All Alternates, Stylistic Set, Ligatures, Oldstyle & Tabular Figures, Fractions, Case-Sensitive Forms

Tim Feber Webseite

Stems.js ist eine Spielerische Webseite welche sich auf Kontemporäre Art mit der Darstellung von Musik beschäftigt und das klassische Musik-Video anders Interpretiert in dem es Musik, Game und Web verbindet.

Lucie Weiße Website

ask-a-local-halle-(saale) ist ein Versuch, Antworten darauf zu finden, wie Akteur:innen im Zeitalter dominanter Tech-Konzerne eigene Netzwerke und Kommunikationskanäle entwickeln können, um Subkultur selbstbestimmt zu dokumentieren, zu archivieren und zu verbreiten.

Alexander Klette Animation

Im Rahmen dieses Semesters habe ich mich intensiv mit Animationen, Übergängen und Interaktivität im Web beschäftigt und dabei meine Coding-Erfahrungen erweitert. Während diesem Lernprozess entstanden simple animierte und interaktiven Code Snippets.
Für den Master Studiengang der Intermedialen Gestaltung entstand zudem ein Poster welches vollständig in HTML, CSS, jQuery und Java Script umgesetzt wurde. Die Idee war, Animation und Interaktivität auf das Medium zu übertragen und Gestaltung nicht nur sichtbar, sondern aktiv erlebbar zu zumachen.

During this semester, I have focused intensively on animations, transitions and interactivity on the web, thereby expanding my coding skills. As part of this learning process, I created simple animated and interactive code snippets.
For the Master’s programme in Intermedia Design, I also created a poster that was implemented entirely in HTML, CSS, jQuery and JavaScript. The idea was to transfer animation and interactivity to the medium and to make design not only visible but also actively experienceable.

Janusz Elmi Sarabi Visual Identity, Website, Social Media

Die Delfin Fahrrad Selbsthilfewerkstatt ist ein kleiner Verein, der seit ca. 2022 im Volkspark in Halle besteht. Hier beteiligen sich alle Mitglieder*innen so viel, wie sie in dem Moment können. Dadurch schaffen wir es, einmal die Woche für vier bis sechs Stunden die Türen für Menschen zu öffnen, die selbst schrauben möchten, dafür aber wenig Platz haben. Oder für Menschen mit weniger Geld, die trotzdem Unterstützung bei der Reparatur ihres Fahrrads benötigen.

Mit der Zeit hat sich gezeigt, dass die Werkstatt am Volkspark schwer zu finden ist und dass der Telegram-Kanal als einziges Sprachrohr nicht ausreicht. Außerdem scheint die Anzahl der Mitglieder*innen zu sinken. Das hat die Idee einer „Visual Identity“ für den Delfin bestärkt.

Entstanden sind Schilder zur Orientierung im Innen- und Außenbereich, eine Webseite sowie Sticker. Die Gestaltung baut auf der „Schmuddeligkeit“ der Werkstatt auf: Es ist nie alles perfekt oder sauber.
Ein zentrales Element wurde deshalb die schmierige alte Fahrradkette. Aus ihr entstand eine Schrift, die für Schilder und weitere Anwendungen genutzt wird. Unterstützt wird die eigens gestaltete Display Font durch eine „blurry“ Variante von Arial, die für längere Texte verwendet wird.

Die „Visual Identity“ soll sich nicht in den Vordergrund des Vereins oder der Werkstatt stellen, sondern unterstützen und für jetzige wie zukünftige Mitglieder*innen etwas sein, womit sie sich identifizieren können.

Finn Spahr Website

, .              ,  .  
-+-|      _.    ,*-+- .| 
 | [ )(/,--
)  \/\/ | |.(_,[ )

This project originated from a compact week called "AI or not AI" instructed by Marek Tuszynski at Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Clemens Stosiek, Giorgi Tsutskiridze, Robert Ziesenis, and Finn Luis Thunderheart Spahr developed the first prototype showcasing our individual perspectives on these technologies. the-swit.ch operates as an ASCII themed website designed to examine the systemic flaws of artificial intelligence and propose viable alternatives. The topics range from problematic energy consumption and autonomous weapons to privacy concerns and the creation of tech monopolies that already rival or exceed state power. Extensive research informed the information texts; all sources are directly accessible via hyperlinks. We aim to demonstrate that there are numerous ways to „align“ these technologies with human needs, utilizing practical levers in our workflows and with our growing reliance on chat bots and AI agents. This approach tries to help against the sense of powerlessness often experienced when confronting these contemporary challenges.

Credits

Gestaltung und Development:
Eva Richter, Alexander Klette

Verantwortlich

Prof. David Liebermann,
Prof. Jana Reddemann

Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle
University of Art and Design
Neuwerk 7
06108 Halle (Saale)

liebermann@burg-halle.de,
reddemann@burg-halle.de
Instagram: @intermedialegestaltung

Datenschutz

https://www.burg-halle.de/hochschule/datenschutz